Uwe Schulz

Todesmutig getextet

 

Schlagwort-Interview, das ich der Journalistin Ulla Egbringhoff
zu meinem Buch »Nur noch eine Tür« gab.

Buchcover Nur noch eine Tür

Lesung am 14. Januar 2016 in der Stadt-Bibliothek Hattingen

Warum haben Sie sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt?

Entgegen dem Klischee war ich mir schon in jungen Jahren meiner Endlichkeit bewusst.
Mit 25 Jahren bekam ich die Diagnose einer potenziell lebensverkürzenden Krankheit,
an der auch die Mutter litt und später starb.
Und ich suchte die Konfrontation mit der eigenen Angst vor dem Sterben
und wollte aus berufenem Mund eine gute Gebrauchsanweisung fürs Sterben erhalten.
Schließlich war da der ganz alltägliche Kontakt mit der Hospizarbeit,
als Journalist, Freund von dort Tätigen und als Sohn einer im Hospiz verstorbenen Mutter.

Welche persönlichen Erfahrungen mit dem Tod mussten Sie machen?

Der erste tiefe Einschnitt war wohl der Unfalltod eines Freundes, als ich 25 war.
Dann die chronische Krankheit der Mutter und deren rasches Sterben,
das ich begleiten durfte, mit 73. Später dann der schnelle Krebstod eines nahen Kollegen
und immer wieder die intensiven Gespräche mit einer Hospizpflegeleiterin im Freundeskreis.

Wie haben Sie Kontakt zu den Sterbenden und Sterbebegleitern gefunden?

Vorrangig über journalistische Recherche; es begann mit einem WDR-Hörfunkfeature
über Elisabeth Kübler-Ross, ging weiter mit der Autorenschaft für die ARD-Themenwoche
zum Thema Tod 2012 und führte dann Schritt für Schritt in immer neue Zimmer.

Link zur Leseprobe von »Nur noch eine Tür«

Wie haben Sie die Gespräche geführt?

In der Regel von Angesicht zu Angesicht; der damals 17jährige Nico war allerdings schon
zu schwach für eine langfristige Verabredung, also telefonierten wir.

Hatten Sie selbst Berührungsängste?

Selbstverständlich. Vor allem, weil die Schwachheit der Kranken die Kommunikation beeinträchtigte.

Welche Ängste wurden thematisiert?

Angst vor Kontrollverlust. Angst vor dem Verschwinden. Angst vor Schmerzen.
Angst, ungelebtes Leben zu hinterlassen. Und – daran lag mir besonders: Angst vor dem Danach.

Welche positiven Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe noch mehr Wertschätzung entwickelt für das Leben, das auch im finalen Stadium
noch zu leben ist. Ich habe gelernt, die Gegenwart des Todes auszuhalten, und ich habe
andere erlebt, die damit ihren Frieden machen konnten. Über allem thront für mich
die Palliativmedizin als große Lebenshilfe.

Haben Sie Überraschungen erlebt?

Ja. Die Vorfreude eines Paters im Angesicht des Todes. Die Ungeduld einer Ordensschwester
angesichts des eigenen Endes.
Der Lebenshunger der jungen Maria Langstroff, die schon seit so langer Zeit bettlägerig ist.
Die Chancenorientierung des Jüngsten, Nico.
Überrascht hat mich auch,
dass der Strafgefangene, mit dem ich über das Ende sprach, keine große Lebensschau hielt,
keine zerknirschte Buße zeigte, sondern die Hoffnung, am Ende angenommen zu sein.
Eine unangenehme und gleichzeitig tröstliche Überraschung war,
die Ungewissheit der Sterbebegleiter über das eigene Ende wahrzunehmen.
Und schließlich bleibt die wiederkehrende Erkenntnis,
dass Sterbende anscheinend selbst entscheiden, wann sie endgültig aufbrechen.

Welche Rolle spielt es, ob Sterbende gläubig sind?

Im Buch äußern mehrere Sterbebegleiterinnen und -begleitet die Ansicht, die etwa
Pflegeleiterin Etienne so fasst:
»Auferstehungsglaube scheint das Sterben zu erleichtern,
weil er Hoffnung über das Sterben hinaus gibt.«
Eine andere interessante These der Hospizärztin Bernales:
»Du stirbst wie du lebtest.« Und daneben die ernüchternde Wahrnehmung
der Benediktiner-Schwester Benedikta, die schon viele im Kloster bis zum Ende begleitet hat:
»Das Gottesbild eines Allmächtigen und Richtenden
kann Gläubigen auch im Sterben Not bereiten.«

Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesen Gesprächen gewonnen?

Für mich das A und O: Im Sterben rundet und vollendet sich das Leben, das wir kennen;
gestalten wir also das ganze Leben als Antwort auf diese Fragen:
Was ist wichtig? Wozu bin ich hier? Wie nutze ich die Zeit?
Es zählen am Ende Liebe und Beziehungen.
Vor allem aber gilt das Prinzip, dass der Sterbende im Mittelpunkt stehen soll.
Dazu sollten seine Begleiter bereits vorher seine Wünsche kennen.

Welche Rolle spielt die Versöhnung gerade am Lebensende?

Ich glaube nach diesen Interviews, dass Versöhnte sich mit dem Sterben leichter tun.
Unversöhnliche oder Unversöhnte – mit sich, mit anderen, mit Gott – haben anscheinend
mehr Mühe zu gehen. Aber es lässt sich anscheinend nicht auf den letzten Metern
alles einrenken, was ein Leben lang schief lag.

Warum ist der alltägliche Tod in unserer Gesellschaft nur selten präsent?

Weil er immer noch als Unfall, als Zumutung, Spaßverderber, als lebensuntypisch gilt.

Delegieren wir den Umgang mit den Sterbenden und Toten an Institutionen,
um der Angst vor dem Tod zu entkommen?

Vermutlich haben wir eher Angst, falsch zu agieren.
Wer nimmt sich die Zeit – wer hat die Zeit, einen Angehörigen intensiv palliativmedizinisch
zu betreuen? Wer beherrscht Totenwaschung und Aufbahrung?
Wir haben die letzten Rites de Passage vernachlässigt und verlernt.
Aus Unachtsamkeit, Perfektionismus, Vollkaskomentalität und Rationalisierung.

Das Interview entstand im Zusammenhang mit der WDR-Sendung Westart Talk.

Ist Trauer eine Privatsache geworden?

Ja, weil wir ihr im Alltag kaum ostentativ begegnen.
Nein, weil soziale Medien auch diesen Teil der Privatsphäre wieder öffentlich machen.

Verdrängen wir das Sterben und den Tod, um uns nicht unserer Endlichkeit bewusst zu werden?

Ich meine: ja. Wir vermeiden generell gern jeden Schmerz, auch den ultimativen.
Und weil uns das Verheißungsvolle am Sterben nicht einleuchtet,
betrachten wir es ebenfalls ungern.

Angst auch, weil wir in unserer säkularen Gesellschaft keinen Halt mehr
in religiösen Ritualen finden?

Hier sehe ich eher Orientierungslosigkeit, Ratlosigkeit, wortreiches oder stilles Verstummen
angesichts einer Realität, die sich all unseren bewährten Bewältigungsstrategien entzieht.

Oder hat es vielleicht auch einen Sinn, dass der Tod tabuisiert wird?

Sinnvoll erscheint mir eine Tabuisierung dort, wo er in Spektakel,
Entertainment oder Propaganda seiner Würde, seines Wertes, seiner Botschaft beraubt wird.

Erkennen Sie Anzeichen einer neuen Trauerkultur?

Ja, sie erscheint mir aber weitaus differenzierter, individualisierter als im 20. Jahrhundert.
Rituale der Trauer um den Verlust eines Menschen sind für mich ein wichtiges Mittel
zur seelischen Verarbeitung und Integration des Todes ins eigene Leben und Sterben.

Haben wir heute ausreichend Zeit und Raum für die Trauer?

Wir hätten so viel Zeit, wie wir wollten.
Wieviel wollen wir? Wieviel brauche ich?
Meine These: Trauer endet nie; sie begleitet dich wie eine Narbe durchs Leben.
Du entscheidest selbst, wie gut die Wunde vernarbt.

Hier das Hörfunk-Interview zum Buch.

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