Uwe Schulz

Vor der Hacke is‘ duster

Mein Kumpel Gerd meinte einmal, er sei nicht sicher, woher meine Dortmund-Seligkeit und Revier-Treue rührten.
Ich weiß es, wusste es immer.
Und WDR-Pop-Programmchef Jochen mahnte mich einst, mich nur nicht „ranzuwanzen“ an die Leute im Ruhrgebiet.
Wie käme ich dazu?

Ich bin ein Junge ausm Revier, auch wenn ich nicht „datt“ und „watt“ sage und nie den Drang hatte, mich beim Arbeiten komplett einzusauen. Ich bin der Sohn eines Bergmanns. Und ich bin es gern. Daraus mache ich diese Woche ein Stück Radio.

Mein Vatta Hellmut. (© Uwe Schulz)

Ich kenne das Revier noch aus Zeiten, in denen sein Mythos Wirklichkeit war. Als es noch jede Menge Kohle gab, aber schon alle wussten: der Pütt machts nicht mehr lange.
Auch Monopol, wo mein Vater (Foto) 1957 seine erste Seilfahrt hatte.

Manchmal, wenn ich mittags im etwas verschnarchten Städtchen Kamen am Ostrand des Reviers aus der Friedrich-Ebert-Schule nach Hause trödelte, kreuzte der eine oder andere Mann in verdreckter, einst weißer Arbeitsmontur meinen Weg, das Gesicht schwarz vom Staub, der 900 Meter weiter unter uns auf seiner verschwitzen Haut festgebacken war. Bergleute, die „vonne Schicht“ kamen.

Ich sprach damals so selbstverständlich wie alle im Quartier vom „Negerdorf“, in dem diese Männer sich zu Hause bald die Spuren der Morgenschicht aus den Poren schrubbten.

Wenige Stunden später würde dann auch mein Vater zur Tür hereinkommen, umweht vom einzigartigen Duft-Gemisch aus kerniger Bergauf-Seife, dem milden Muff feuchter Klamotten, die in der Waschkaue zu lange im Duschdampf gehangen hatten, und dem Lederaroma seiner viel zu schmalen Aktentasche.

Bis zu seinem letzten Feierabend auf Neu-Monopol (Foto) in Bergkamen, blieb das für
mich der Geruch von Freiheit und Freizeit.



Heute stehen beide Schachtanlagen still.
Sind längst stillgelegt.
Der Schacht in Bergkamen (Foto) sieht ohne Seilscheiben amputiert aus und ist
damit Sinnbild für das, was das gesamte Revier hinter sich hat.

Wieder einmal darf ich ein Stück − dieses besondere Stück − eigener Erfahrung
journalistisch verarbeiten und mit historischer Forschung kombiniert aufarbeiten.

Am Mittwoch, 15. Februar 2017, läuft in der WDR-Hörfunkreihe Zeitzeichen
mein Kurzfeature über den Anfang vom Ende des Bergbaus in den 1960er Jahren.
Die Kurzversion, WDR2 Stichtag, ist zur Hommage an meinen Vater und seine Kumpel geworden, ohne dass ich mir so etwas Emotionales vorgenommen hätte.
Live: WDR5 Zeitzeichen, 9:45 Uhr • WDR2 Stichtag ab 9:38)
Podcasts: WDR2 Mediathek • WDR5 Mediathek

 

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