Uwe Schulz

Soundtrack meines Lebens

Weil mich jemand bat, es aufzuschreiben, und weil Peter Gabriel in diesem Jahr 70 geworden ist: Meine Gedanken über seinen Song »Biko«, der mich, wie ich in der Rückschau feststelle, sehr beeindruckt hat. Deshalb gehört er in die Top 3 meiner Lebenslieder.

Soundtrack meines Lebens

Es gibt Songs, die offenbaren erst nach Jahrzehnten, wie bedeutend sie sind. „Biko“ ist so einer. Er war im Jahr seines Erscheinens zum ersten Mal in meinem Ohr, 1980, als ich mir noch nicht das Geld für eine Stereoanlage zusammengejobbt hatte, sondern mit meinem ersten Kassettenrekorder versuchte, im WDR-Radio Musik mitzuschneiden.

Wie ein Protokoll

Damals schon war es wie bei den meisten der folgenden Songs von Peter Gabriel: „Biko“ lag irgendwie quer zu allem Gewohnten, mit seinem hypnotischen Rhythmus, mit dem Wechsel der Sprache vom südafrikanischen Xhosa ins Englische und zurück, mit Klangeindrücken, als wäre jemand irgendwo im Township mit offenem Mikrofon einem Beerdigungszug gefolgt. Mit Textpassagen, die klangen, als protokollierte jemand reales Geschehen.

Yihla Moya

Es war die Zeit vor Wikipedia, und da der Song in den Charts keine besondere Rolle spielte, vergingen Monate, vielleicht Jahre, bis zum Empfinden für – auch das Wissen um die historische Bedeutung dieses Liedes trat: dass „Biko“ den gewaltsamen Tod eines jungen Mannes beklagte, der mit Esprit und klugen Worten der Apartheid am Kap widerstand, Stephen Bantu Biko. Dass dieses Lied schon zu einer Zeit, da Nelson Mandela noch eingekerkert und Südafrika ein zerteiltes Land war, den guten Geist beschwor, in dem Steve Biko gewirkt und der ihn überlebt hatte, wenn wir dem Text glauben wollten: „Yihla Moya“, ruft Peter Gabriel mehr als er es singt: „komm, Geist!“ – und als Christ, der das Evangelium immer schon auch als politische Kraft verstanden hat, ergänze ich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt entschiedener, sooft ich diesem Song begegne: „Komm, Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein … Komm zu uns, werter Tröster, und mach uns unverzagt. Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit.“

Man kann nicht Märtyrer sein wollen

Das vierte Jahrzehnt neigt sich, in dem dieses Lied den Grundton meiner Haltung und meines Glaubens trifft: wir dürfen, wir können, wir müssen in der Zeit einstehen für die Gerechtigkeit, die unsere Ewigkeit prägen wird. Für die Liebe zu unserem Nächsten wie zu uns selbst. Oder mit den Worten Eberhard Bethges, des Freundes Dietrich Bonhoeffers, die ich zu Beginn der 1990er als junger Journalistik-Student in meinem Interview mit ihm hörte: „Man kann nicht Märtyrer sein wollen, aber es kann die Zeit kommen, da zu zahlen ist.“

In Zeit und Raum

Es war bei Bonhoeffer wie bei Steve Biko der Preis zu zahlen im Kampf gegen die kranke Lehre von der gottgewollten Ungleichheit der Menschen. Inzwischen weiß ich, wie elementar Bonhoeffers Theologie und Beispiel für die christlichen Apartheidsgegner in Südafrika waren. Und da mir Bonhoeffers Klarheit, die aus der Kontemplation kam, sein Mut, der aus dem Gottvertrauen erwuchs, seine Tatkraft, die von Bibeltreue und Klugheit angetrieben war, ebenfalls mit jedem Jahrzehnt mehr bedeuten, da Nationalisten und Rassisten an ihren eigenen Reichen bauen, ist „Biko“ der Soundtrack meines Lebens. Eines Lebens als Bruder Jesu, als Nachfolger Christi in den Spuren aller unserer Vorfahren, als Gottes Geschöpf in Zeit und Raum, die ich durchmessen darf. „Yihla Moya!“

Dieser Beitrag erschien in der Zeitschrift lebenslust

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