Uwe Schulz

Letzte Worte 2018 …

Mein Impuls zum letzten Sonntag des Kirchenjahres (Totensonntag *)

Wir kennen die Frage: Was würdest du tun, wenn du noch einen Tag zu leben hättest? Theoretisch. Als Gedankenspiel. Als Selbst-Coaching, um Prioritäten richtig zu setzen. Kenne ich das Gefühl, wenn diese Frage praktisch, real in ein Leben stürzt? Die Frage nicht: „Was würdest du tun, wenn …?“, sondern: „du hast nur diesen Tag, diesen Augenblick … Was ist jetzt dein Leben?“
Wer bin ich? Wage ich, dem Tod in den Rachen zu schauen? Einen Abgrund, der noch jeden verschlungen hat, seit Kain den Abel erschlug. Seit eine Stimme in dir gesagt hat: „Wer weiß, ob Gottes Regeln wirklich gut für mich sind? Wer weiß ob ich nicht besser nach meinen eigenen Regeln leben und handeln sollte. Sollte ein Wanderprediger aus der Antike sich wirklich besser auskennen als ich damit, wie das Leben funktioniert? Wie es gelingt?“


Ist es nicht merkwürdig, dass die besten Freunde ihren Lieblingsmenschen nicht wiedererkennen, als er sich ihnen nähert aus einer Realität, die keinen Tod kennt? Wer ist Jeshua Ben Joseph auf dem Weg nach Emmaus? Was bedeutet Auferstehung wenn sie sogar IHN so verwandelt in den Augen derer, die ihn lieben?


Wie ich wohl auf mein Leben zurückschauen werde im Angesicht des Todes? Werde ich sowas sagen wie: „Ich hab’s krachen lassen! Wenigstens Spaß gehabt und getan was ich wollte“? Oder: „Wenigstens ein paar Jahre anständig gelebt.“ So wie es Hermann Göring gesagt hat, einer der willigsten Helfer Adolf Hitlers. „Wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt.“
Was ist anständiges Leben? Angesichts seiner Begrenztheit – was zählt? Was ist gut?

Auf meinem Grabstein

Egal, was auf meinem Grabstein stehen wird, was andere danach posten auf irgendeiner Plattform im sozialen Netz; was wird in den Seelen derer nachklingen, die mich überdauern? Meiner Feinde. Meiner Freunde. In den Seelen derer, die ich geliebt habe, die ich verletzt habe?
Was meint Kurt Tucholsky, wenn er sagt: „Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben“? Mein ganzes Leben in diesem Heute. Der Philosoph Ernst Bloch hat gesagt: „Ich bin neugierig aufs Sterben; eine Erfahrung, die ich noch nicht gemacht habe.“ Da war er gesund und Ende 80. Ich bin Anfang 50 und gar nicht neugierig. Warum nicht?


Was meint Jesus, wenn er sagt: „Lass die Toten ihre Toten begraben“?
Was meint Bonhoeffer, wenn er sagt: „Ob wir den Frieden Gottes wirklich gefunden haben, wird sich daran erproben, wie wir zu den Trübsal stehen, die über uns kommen?“


„Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens sein und unsere Zunge voller Rühmens.“

Psalm 126


Der Tod. Das große Loslassen. Der ultimativer Kontrollverlust. Ja, ich bin vielleicht der „Captain meiner Seel‘“. Aber was, wenn ich schließlich auf ein Meer hinaussegle, das ich nicht kenne? Für das es keine Seekarten gibt. Worauf verlasse ich mich dann? Wer kennt den Kurs? Kann ich das: Loslassen? Mich loslassen?

Bruder Tod

Ob ich jemals begreifen werde, was sich da ereignet hat bei dieser erbärmlichsten Hinrichtung vor den Toren der wunderbarsten Stadt? Wo ein junger Mann alles aufgeben musste, was ihn ausgemacht hatte: Seine Wirksamkeit. Seine Freunde. Seine Würde. Sogar seine Hoffnung. 
Werde ich je begreifen, dass Gott sich so sehr mit dem Menschen gemein macht, dass er für mich lernt, was sterben bedeutet? Folter. Angst. Ersticken. Dass er nicht eine Simulation ablaufen lässt in 3-D, sondern ganz und gar sich selbst hineinwirft?
Ist das Todeserfahrung: im einen Moment das Paradies sehen, und im nächsten Moment die Hölle? „Mein Gott, warum hast du mich verlassen …?“ Wie hat Franz von Assisi es geschafft, am Ende zu sagen: „Sei mir gegrüßt, Bruder Tod?“

„Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir. Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür. Wenn mir am allerbängsten wird um mein Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“

Paul Gerhardt, 1656


Kann ich das genießen: an einen Gott zu glauben, der mich nicht mit dem Tode bedroht? Was es wohl bedeutet, dass Hunderte Menschen am Tag der Terroranschläge auf New York, im Qualm der Zwillingstürme, in Reihe 12 von Flug United 93, im Angesicht des Todes, Botschaften der Liebe versandt haben: „Hi Baby, I love you. And please tell my children that I love them very much …“ Ist Liebe stärker als der Tod?


Bin ich bereit, die Todesnähe auszuhalten? Bereit, in ein Zimmer zu gehen, in dem gestorben wird? Dazusein, meine Hand hinzuhalten? Und dann keine der üblichen Tröstungen: „Wird schon wieder …“

„Lehre uns bedenken, dass unsere Tage irgendwann gezählt sein werden.“

Psalm 90, Vers 12

Schlägt aus dieser Erkenntnis auch nur ein Fünkchen Klugheit?

„Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn.“

Römerbrief 14, Vers 8

© Uwe Schulz
*Impuls im Rahmen der hOra am 25. November 2018 in Mülheim/Ruhr



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